Die Angst vorm „Ersten Mal“

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Blick auf einen türkisfarbenen Teich bei strahlendem Sonnenschein mit Gräsern & Bäumen rechts, Teichgräsern sowie dunklem Wald im Hintergrund

Nein. Das, worüber ich heute schreiben möchte, hat nichts mit Aufklärung für Teenager á la Doktor Sommer zu tun. Trotzdem werde ich wohl nicht darum herumkommen, mich dieser Analogie das eine oder andere Mal zu bedienen.

Denn unabhängig von der Assoziation des „ersten Mals“ haben wir wirklich viele erste Male in unserem Leben. Das erste Mal auf eigenen Beinen stehen, das erste Mal sich selbst anziehen können, das erste Mal zur Schule gehen, das erste Mal eine Prüfung schreiben, das erste Mal mit jemandem sprechen, den man noch nicht kannte, das erste Mal Alkohol trinken, das erste Mal den Eltern widersprechen, das erste Mal eigene Entscheidungen treffen, das erste Mal Sex mit jemandem haben usw. Klar, haben wir ja (fast) alle hinter uns gebracht. Soweit, so gut. War ja nicht schwer.

Zwei Hände mit rot lackierten Fingernägeln in einer Meditationspose auf einem weißen Kleidungsstück im grünen Gras sitzend

Und trotzdem kennt sicher jeder von uns Momente, in denen ein neues, unbekanntes, gefährliches „erstes Mal“ ansteht. Ein „erstes Mal“, das uns Angst macht. Das erste Mal alleine ins Kino gehen, das erste Mal alleine reisen, das erste Mal eine unlogische Entscheidung treffen, das erste Mal alle Sicherheit hinter sich lassen, um etwas komplett Neues zu probieren. Oftmals machen wir es nicht. Sondern träumen davon, wie es wäre, wenn wir es nur schon getan hätten. Oder sagen uns, dass der richtige Zeitpunkt schon kommen wird.

Warum fällt das eigentlich so schwer? All die anderen ersten Male in unserem Leben, so haben wir ja festgestellt, waren doch ein Klacks. Aber jetzt ist das alles ganz anders. Es gibt zu viel zu verlieren. Denn wir wollen nicht scheitern, nur weil wir mal etwas anderes probieren. Und wir wollen auch nicht, dass andere über uns reden. Sie hätten das ja vorher gewusst, dass das nichts wird. Scheinbar ist es auch wichtig, was Fremde über uns denken. Wir wollen uns doch nicht blamieren! Und bei genauerem Hinsehen ist es doch auch so, wie es bisher ist, gar nicht schlecht. Wozu ein unbekanntes erstes Mal probieren? Da springen wir doch lieber nicht über unseren Schatten. Sondern träumen weiter und beneiden all diejenigen, die es schaffen, neue Wege zu gehen.

Die Angst davor, einen schweren Fehler zu begehen und von anderen nicht mehr anerkannt zu werden, ist so groß, dass wir es gar nicht erst versuchen. Und im Vergleich zu all den Dingen, die wir so leicht das erste Mal geschafft haben, erscheint uns dieses Mal unendlich schwierig. Dabei könnte es doch hilfreich sein, sich bewusst zu machen, was wir tatsächlich alles schon geschafft haben. Klar, vom jetzigen Standpunkt aus sehen vergangene bestandene erste Male einfach aus. Aber wenn wir mal genauer hinschauen, so waren diese ebenfalls mit einem möglichen Scheitern verbunden, mit befürchteter Scham beim Nichtschaffen. Und doch waren sie es alle wert, über den Schatten zu springen und es einfach zu tun. Bei einigen haben wir uns aber sicher nicht so viele Gedanken darüber gemacht, ob es gelingen wird, so wie die ersten Gehversuche. Oder aber der Anreiz dessen, was es zu erleben gibt, war so groß, dass wir die Angst überwunden haben. Wie beispielsweise beim ersten Sex. Denn wir wollten so gern wissen, wie es sich anfühlt, jemandem so nah zu sein. Und wenn wir noch genauer hinschauen, so werden wir sicher auch feststellen, dass nicht jedes erste Mal gleich ohne Schwierigkeiten ablief, sondern es noch weitere Male brauchte, bis wir es besser konnten und es uns leichter fiel.

Die einzige Freude auf der Welt ist das Anfangen. Es ist schön zu leben, weil Leben anfangen ist, immer, in jedem Augenblick.
Cesare Pavese 1908-1950, italienischer Schriftsteller
Und ganz sicher würde es auch bei all den Dingen, die wir so gern tun würden, uns aber nicht trauen, so ablaufen. Es kostet Überwindung und möglicherweise wird es auch nicht gleich dem Idealbild entsprechen. Aber diesen Schritt zu gehen, wird die Angst verringern und es bei den folgenden Malen leichter machen, über den Schatten zu springen. Wichtig ist, dass wir uns dessen bewusstwerden, was wir damit erreichen wollen, welchen Anreiz es gibt. Und dann heißt die Devise: tun! Wenn wir erst einmal angefangen haben, diesen einen, angstvollen, unbekannten Weg zu gehen, dann können wir stolz auf uns sein. Das Erreichte genießen. Und, nun ja, wenn es nicht so ganz gelingt wie gewünscht, dann haben wir es versucht, anstatt weiter davon zu träumen, wie es wohl wäre, loszugehen. Das nächste erste Mal wird dann vielleicht schon etwas leichter sein. Weil wir wissen, dass wir losgehen und trotzdem noch in den Spiegel schauen können. Ohne Versagensgefühle, ohne Scham.
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